Ala Bohemica – Fact or Fiction?

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Das Festival für mittelalterliche Musik „montalbâne“ stand 2015 unter dem Motto „Licht des Ostens“. Teil dieses Festivals ist seit vielen Jahren eine kleine „Instrumentenausstellung“, bei der auch ich meine Arbeiten gelegentlich präsentiere. Da ich Gefallen an der thematischen Gliederung der Konzerte des Festivals fand (und finde), überlegte ich, was ich 2015 als passenden Vertreter des osteuropäischen Instrumentariums zeigen könnte.

Ein bei den Interpreten mittelalterlicher Musik relativ bekanntes Instrument ist die so genannte Ala Bohemica, der „Böhmische Flügel“. Trotz seiner scheinbaren Bekanntheit ist dieses Instrument aber so etwas wie ein Mysterium: Jeder kennt es, doch noch keiner hat je einen Böhmischen Flügel gesehen, geschweige denn gespielt. Meine Idee, ein solches Instrument extra für montalbâne 2015 zu bauen, wurde von Susanne Ansorg, der künstlerischen Leiterin des Festivals, sehr begrüßt und sie schlug vor, zusätzlich noch einen Vortrag darüber zu halten. Der vorliegende Blogeintrag ist eine überarbeitete und angepasste Fassung dieses Vortrages vom 20. Juni 2015.


Bei der Rekonstruktion der Ala Bohemica ging ich – wie bei all meinen Instrumentenrekonstruktionen – in vier Schritten vor: Ich nenne sie die vier Re’s:

  1. Re-Cherche
  2. Re-Invention
  3. Re-Konstruktion
  4. Re-Animation

1. Re-Cherche

Erhaltene Originale sind für Bauer von historischen Instrumenten eine sehr wertvolle Quelle. Man kann sie unter Umständen direkt nachbauen oder aber Konstruktionsmerkmale analysieren und gegebenenfalls auf andere Instrumente übertragen. Außerdem lassen sich anhand originaler Musikinstrumente Rückschlüsse auf Konstruktion und Bauweise anderer Instrumente ziehen, von denen keine Originale erhalten sind.

Bei der Ala Bohemica sind mir keine solchen erhaltenen Originale bekannt.

Bildquellen

Meistens orientiert man sich an den oft zahlreich vorhandenen Abbildungen von Instrumenten in Handschriften, auf Altargemälden oder an Statuen. Natürlich ist dem Realitätsgehalt solcher Bildwerke immer mit einer gewissen Skepsis zu begegnen. Es ist in den seltensten Fällen davon auszugehen, dass der jeweilige Künstler eine exakte Darstellung eines Instrumentes gemalt hatte. Oft haben die Künstler von vorhandenen Vorlagen abgeschrieben und -gemalt oder nach sogenannten Malschulen gearbeitet.

Es gibt nur eine geringe Anzahl von Abbildungen, wie gleich zu sehen sein wird, die heutzutage mit dem Begriff Ala Bohemica in Verbindung gebracht werden. Moderne Instrumentenkundler sind aufgrund dieser dünnen Beweislage uneinig in Bezug auf die reale Existenz eines solchen Instrumentes. Meine Untersuchungen und Recherchen, die ich zum Bau der Ala Bohemica anstellte, ergaben Hinweise auf ein spezielles, „lokaltypisches“ Instrument, von dem ich inzwischen der Meinung bin, dass es tatsächlich existiert haben könnte.

Als ich meine Bildbibliothek von einigen tausend Dateien nach der Ala Bohemica durchsuchte, fand ich genau eine Abbildung – siehe die Abbildung am Anfang des Beitrags. Darüber war ich doch recht erschrocken, denn natürlich lässt sich anhand einer einzigen Abbildung kein Instrument rekonstruieren. Ich meinte aber, weitere Abbildungen zu kennen. Ich erinnerte mich, von der Ala Bohemica im Handbuch der Musikinstrumente von Alexander Buchner [1] gelesen zu haben. Das Buch wurde in den 50er Jahren in Prag verlegt und gedruckt. Darin wird im Abschnitt über mittelalterliche Instrumente die Ala Bohemica erwähnt … und es werden einige Abbildungen dazu gezeigt. Darunter befinden sich die Abbildungen, an welche ich mich erinnerte. Insgesamt aber war die Ausbeute auch hier gering und von zweifelhafter Beweiskraft.

Im Verlaufe meiner Recherchen stieß ich auf einen tschechischen Artikel von Prof. Dr. Pavel Kurfürst, der sich mit der Ala Bohemica befasst und 2001 im Buch „Základy organológické ikonológie“ erschien [2]. Kurfürst zeigt in diesem Artikel alle ihm bekannten Abbildungen der Ala – es sind vier der bereits bekannten, und eine weitere.

Von den wenigen Abbildungen ziehe ich vier für eine genauere Betrachtung heran:

verschiedene psalterien

oben links: Kapelle Burg Karlstejn; oben rechts: Prag, Nationalbibliothek sign. XIV A 17, fol. L8A; unten links: Prag, Nationalbibliothek sign. Xxiu C 124, fol. 722i; unten rechts: Treppengewölbe Burg Karlstejn

Schaut man sich die dargestellten Instrumente an, bemerkt man trotz der auf den ersten Blick recht unterschiedlichen Formen schnell eine Reihe von Gemeinsamkeiten:

Jedes der hier gezeigten Instrumente hat

  • eine große, runde Kopfplatte mit Wirbeln,
  • einen langgestreckten, dreieckigen oder trapezförmigen Korpus,
  • eine kleine „Ecke“ am Übergang von Kopfplatte zu Korpus,
  • zwei deutlich von einander getrennte Saiten-Register.

Außerdem fällt eine scheinbar ungeordnete Verteilung der Wirbel auf der Kopfplatte auf. Man kann das äußere Erscheinungsbild auf drei Basisformen reduzieren: Kreis, Langes Dreieck und kleine Ecke.

verschiedene Psalterien - Merkmale.png

Ähnliche „Grundgemeinsamkeiten“ kann man finden, wenn man sich zum Beispiel Abbildungen von Harfen, Fideln oder Lauten anschaut, anhand derer man das jeweilige Instrument, trotz unterschiedlicher Darstellungsqualität oder abweichender Formen, schnell identifizieren kann.

(Buchner benennt in seinem Handbuch übrigens eine Reihe von Instrumenten als Ala Bohemica, welche diese Gemeinsamkeiten NICHT aufweisen, und verschleiert und verunklart meiner Meinung nach somit einen genauen Blick auf diesen Instrumententypus. Dazu später mehr.)

Anhand der gemeinsamen Merkmale einer sonst im Detail differierenden Form der vier hier dargestellten Instrumente wage ich die Annahme, dass es sich dabei tatsächlich um EINEN bestimmten Instrumententypus handelt, den die jeweiligen Künstler abzubilden versucht haben. Da sich alle vier Abbildungen im Prager Umfeld befinden und eine relative zeitliche Nähe zueinander aufweisen, ist eine gemeinsame Malvorlage natürlich nicht auszuschließen. Allerdings ist der dargestellte Kontext jeweils ein anderer: Das Instrument taucht einmal zusammen mit anderen Saiteninstrumenten in einem Fresko mit der Darstellung der 24 Ältesten[3] auf, illustriert zum andern in einer Handschrift wiederum mit verschiedenen Saiteninstrumenten den Gesang Mirjams beim Auszug der „Söhne Israels“ aus Ägypten[4], wird in einem weiteren Manuskript einem Engelsmusikanten in die Hand gelegt, welcher in einer Kolumne mit anderen angli chitarizantes[5] steht und erscheint in einem weiteren (allerdings restaurierten) Fresko in der Hand eines Engels ohne weiteres Umfeld.


Aachen

Aachen, Dom (Depot), unbekannter Meister, um 1450

Ich möchte noch eine fünfte Abbildung ergänzen, die weder von Buchner noch von Pavel Kurfürst erwähnt wird. Es handelt sich dabei um eine relativ späte Darstellung auf einem Altargemälde, das auf ca. 1415 datiert wird und sich in der Domschatzkammer Aachen befindet. Es stand früher vermutlich in der „Ungarischen Kapelle“ des Aachener Doms, die in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts von König Ludwig von Ungarn gestiftet wurde.

Das hier dargestellte Instrument weicht noch stärker in der Grundform ab, weist aber trotzdem einige der zuvor festgestellten Gemeinsamkeiten auf: die runde Kopfplatte und deutlich voneinander getrennte Saitenregister. Auch die „unordentliche“ Wirbelanordnung auf der großen Kopfplatte findet sich wieder. Paradoxerweise scheint also diese Abbildung trotz oder gerade wegen seiner großen Abweichungen und zeitlicher Ferne zu den anderen Abbildungen, die Existenz eines bestimmten Instrumententyps zu bestätigen.

Literarische Quellen

Pavel Kurfürst erwähnt in seinem Artikel einige wertvolle literarische Quellen, von denen ich hier nur vier beispielhaft nenne:

1.
Da ist zunächst der – wie sich herausstellt – einzige Hinweis auf den Namen Ala mit dem Zusatz „Bohemica“ im „Cancellaria“ des Johannis Noviforensis (Johann von Neumarkt) aus der Zeit zwischen 1364–1380. Johann von Neumarkt war Kanzler Kaiser Karls IV. und unter anderem gewählter Bischof von Naumburg:

De solemptitate nupciarum, quae nuper in Chremsir de persona carissime consaguinae nostram Clarae celebrate sunt, mittimus vobis P(hilippum) figelatorem et I(esconem) ludentem in ala Boemica, familiares commensales domesticos nostros.

Von den Hochzeitsfeierlichkeiten, die kürzlich in Kremsier (heute Kroměříž) von der geliebtesten Person, unserer anverwandten Clara, zelebriert wurden, senden wir Euch Philipp, den Fidelspieler, und Jesko, den Spieler der Ala Bohemica, Mitglieder des Hofes und Tischgesellen in unserem Haushalt.

2.
Einen weiteren wichtigen Hinweis finden wir bei Paulus Paulirinus de Praga (Pavel Zidek) in seinem „Tractatus de Musica“ um 1460:

Ala integra.jpg

[A]la integra est Instrumentum perfecti trianguli, sed media ala semitrianguli, habens cordas metallinas in sursum levatas, quam cum canora cum penna utraque manu sicut citharedus in cithara percuciens, perficit sue artis sonoritates multum dulci; et pauci sunt qui sciunt totam alam percutere, sed plures mediam solum.

Der ganze (vollständige) Flügel ist ein Instrument von perfekter Dreiecksform aber der mittlere Flügel ist halb dreieckig. Sie haben Metallsaiten, welche vertikal gespannt sind. Der Spieler spielt mit einem Federkiel in jeder Hand […] je nach seiner Kunstfertigkeit sehr süße Wohlklänge. Es gibt wenige, die den „ganzen Flügel“ spielen können, aber viele spielen nur den mittleren.

Es muss natürlich offen bleiben, was genau unter einer perfekten Dreiecksform zu verstehen ist. Nimmt man es wörtlich, dann lässt sich leicht das Decacordum damit assoziieren, das sich unter den Abbildungen biblischer Instrumente im „Dardanus-Brief“ befindet.

3.

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Bibel von Olmütz (M III 1/I; Vědecká knihovna v Olomouci; Olomouc; Česko), f. 186v

Weiterhin gibt es einige Bibelübersetzungen ins Tschechische aus dem 13.–16. Jahrhundert. So werden im Alten Testament der Bibel von Litomerice, (1411) im Buch der Chronik, Kapitel 15, Vers 21 die Worte citharis pro octava, die heute am Besten mit „Chitara (Harfe) mit acht Saiten“ zu übersetzen wären, mit na krzydlach übersetzt, dem tschechischen Wort für Flügel. Das Gleiche geschieht in der Bibel von Olmütz, (1417).

Offenbar – so Kurfürst – wurde insbesondere citharis pro octava canebant epinicion mit dem Wort für Flügel übersetzt (… na krzidlech przehu dachu epyrion, in etwa: „Harfen zu achten Saiten begleiten den Gesang“), während bei allen anderen Vorkommen des Wortes „Chitara“ eine sehr uneinheitliche Übersetzung gewählt wurde (Laute, Rotta, Fidel, etc.). Was inspirierte die tschechischen Übersetzer, ausgerechnet bei „chitara pro octava“ eine spezifische Übersetzung zu wählen? War es der Hinweis auf die Gesangsbegleitung? Oder assoziierten sie „pro octava“ vielleicht mit einem konkreten Instrument? Liegt vielleicht ein Übersetzungsfehler vor, bei dem „Harfe“ mit 8 Saiten zu „Harfe“ in Oktaven mutierte? Das würde dann zumindest zu den zwei erkennbaren „Registern“ der Abbildungen passen. Manche modernere deutsche Bibelübersetzungen sprechen an dieser Stelle von „tiefgestimmten Lauten“ oder von einer „Laute in der tiefen Oktave“. Das würde zu der Vorstellung eines Psalteriums mit tieferen, da längeren, Saiten passen.

Im Übrigen drängt sich bei „citharis pro octava“ der Gedanke an ein leierähnliches Instrument geradezu auf. Man vergleiche dazu z.B. die frühmittelalterlichen Leiern von Oberflacht, Sutton Hoo oder Trossingen, oder die Novgorod-Leiern (Gusli) und Gesle aus dem Gdansk/Danzig des 11. und 12. Jahrhunderts.

4.
Guillaume de Machaut listet in seinem „Remède de fortune“ einige Instrumente auf, welche am Hofe König Johanns von Böhmen gebräuchlich waren. Darunter ein micanon. Vielleicht ein halbes Canon? Das könnte dem „mittleren Flügel“ bei Paulirinus entsprechen, der einem halben Dreieck entsprechen soll.

Es scheint also den Quellen zufolge in Böhmen ein Instrument mit dem Namen Ala, bzw. Flügel (krzydlach) gegeben zu haben – ein Instrument mit dreieckiger Grundform und Metallsaiten. Es handelt sich dabei vermutlich um ein Instrument des Psalterien-Typs. [siehe auch Anmerkung am Ende des Textes].

Ob die in den Texten beschriebenen Instrumente mit denen in den Abbildungen identisch sind, muss allerdings weiterhin offen bleiben. Die bei Paulirinus angesprochene perfekte Dreiecksform, aber auch die anderen Beschreibungen, müssen nicht zwangsläufig zu den abgebildeten Instrumenten passen. Es bleibt zu bemerken, dass in den „böhmischen“ Handschriften und Bildwerken jeweils offenbar „lokaltypische“ Instrumente genannt, bzw. abgebildet wurden: In zwei verschiedenen lateinischen Bibeln gibt es je eine Abbildung eines Saiteninstrumentes, das sich in zwei Fresken eines böhmischen Bauwerkes wiederfindet. Außerdem wird in tschechischen Bibelübersetzungen das lateinische „chitaris pro octava“ mit dem tschechischen Wort für „Flügel“ übersetzt.

Weitere Quellen

Spätestens an dieser Stelle muss hinterfragt werden, was ein mittelalterlicher Autor wohl mit einem „Flügel“ assoziierte. Folgende zwei Flügel aus einem „Bestiarium“ mögen stellvertretend für eine große Vielzahl von gemalten Vogelflügeln in mittelalterlichen Abbildungen stehen.

Dieses vor Augen, fallen mir weitere Abbildungen ein, die das Set von Grundgemeinsamkeiten, welches eingangs des Artikels herausgearbeitet wurde, nicht aufweisen, dafür aber nahezu perfekt zu der oben gezeigten (Vogel-)Flügelform passen.

Paolo

Als äußerst interessant erweist sich dabei ein Instrument auf einem Altargemälde Paolo Venecianos. Hierbei handelt es sich immerhin um eine Abbildung aus dem italienischen Raum, wenngleich Veneciano am so genannten byzantinischem Stil festhielt, wie es die moderne Kunstgeschichte beschreibt. Das hier gezeigte „Langpsalterium“ erweist sich als nahezu identisch mit Instrumenten aus dem böhmischen Raum, wie z.B. dem Fresko aus der Krypta von Kostel svatého Štěpána.

Auch einige der meiner Meinung nach fälschlich als Ala bohemica bezeichneten Instrumente bei Buchner erscheinen so in einem völlig neuen Licht.

Fazit

Ich wage an dieser Stelle, den Begriff/die Gattung „Langpsalterium“ einzuführen.

Diese Form der psalterähnlichen Instrumente scheint sich besonders im osteuropäischen Raum größerer Beliebtheit erfreut zu haben, bzw. hat sich dort möglicherweise länger gehalten – als „Kantele“ [siehe Anmerkungen] sogar bis in die heutige Zeit hinein. Das als Ala (Flügel, křídlo) bezeichnete Instrument stellt ein solches Langpsalterium dar. Bei der Ikonographie eingangs dieses Artikels erwähnte ich ein Set von Grundgemeinsamkeiten, welches ich festgestellt zu haben glaubte, das sich aber nur wenig mit den Beschreibungen und in nur wenigen Punkten mit den weiteren oben gezeigten Abbildungen von Langpsalterien deckt. Denkbar wäre es nun, dass es sich hierbei um eine ganz spezielle Form der Ala, des Langpsalteriums handelt – nämlich tatsächlich um den einmalig erwähnten Ala bohemica.


2. Re-Invention

Den Abbildungen und literarischen Texten kann man viele wertvolle Informationen für den Bau des Instrumentes entnehmen. Es sind aber natürlich noch einige Aspekte ungeklärt, die für ein fundierte Rekonstruktion nötig wären, so dass man an dieser Stelle anhand weiterer Überlegungen das Instrument „zurück-erfinden“ muss. Ich möchte hier noch einmal auf die zwei Saitenregister hinweisen, welche sich in den Abbildungen erkennen lassen. Warum gibt es sie? Was ist ihr Zweck? Für mich sieht es fast aus, als seien zwei sogenannten baltischen Psalterien – wie z.B. die Finnische Kantele – in der Ala zu einem Instrument vereint worden.

Auch die scheinbar wirre Anordnung der Wirbel im Bereich der großen Kopfplatte ist merkwürdig. Bei genauer Betrachtung der Abbildung aus der Kapelle in der Burg Karlstejn scheint sich dadurch eine Saitenabfolge von lang-kurz zu ergeben.

karlsteijn-kurzlang

Bei den erwähnten baltischen Psalterien gibt es unter anderem eine Spielweise, bei der mehrere Saiten gleichzeitig angeschlagen, und die Saiten, welche nicht klingen sollen, mit den Fingern der anderen Hand abgedämpft werden. Somit kann man eine Art Akkordbegleitung spielen, während dazu gesungen wird. Die Abbildungen, aber auch der Hinweis bei Paulirinus auf die Federkiele, zeigen aber, dass das Instrument mit zwei Händen aktiv gespielt wird. Somit bleibt keine Hand frei, um nicht-klingende Saiten abzudämpfen. Man könnte dies umgehen, indem die Saiten zu „Akkorden“ gruppiert werden.

Somit wäre theoretisch eine Funktion für die zwei Saitenreihen gefunden: eine Saitenreihe ist die „Spielreihe“ während die andere Saitenreihe eine „Begleitreihe“ ist, in der einfache Akkorde angeschlagen werden können. Bei dem von mir gebauten Prototypen gibt es ein solches „Begleitregister“ mit Saitenpaaren in Quintstimmung und daraus resultierend das optische Erscheinungsbild einer lang-kurz-Anordnung der Saiten.


3. Re-Konstruktion

Mit den Erkenntnissen der Recherche und den Überlegungen zur Funktionsweise des Instrumentes kann man den Bau des Instrumentes planen. Als Konstruktionsvorbild und Inspirationsquelle zog ich die vorhin bereits erwähnten baltischen Psalterien heran.

Die meisten der historischen Kantele sind aus einem Stück Holz herausgearbeitet. Diese Bauweise kann man übrigens auch an anderen erhaltenen Funden mittelalterlicher Instrumente nachweisen, wie zum Beispiel den Gusli und Fideln aus Novgorod.

Das baltische Psalterium kann im Wesentlichen mit zwei Methoden gebaut werden. Dier erste besteht darin, dass man den Korpus des Instrumentes von oben her aushöhlt [Zeichnung 1] und die entstandene Öffnung mit einem Deckbrettchen wieder verschließt.

Methode zwei ist ganz ähnlich, nur dass der Korpus dieses Mal von unten ausgehöhlt wird. [Zeichnung 2]. Der Boden kann nun offen bleiben, oder ebenso mit einem Brettchen verschlossen werden. Sie sehen, dass sich an den Korpus ein Wirbelbrett anschließt und sich in der Seitenansicht somit eine Stufe ergibt

Die Abbildungen der Ala oder des böhmischen Psalteriums zeigen aber keine solchen Stufen. Würde man versuchen, den Korpus des böhmischen Psalteriums von oben auszuhöhlen, bliebe an der Stelle des Wirbelbretts [Zeichnung 3] sehr viel Material stehen. Das Gewicht des Instrumentes würde unnötig erhöht und die Wirbel, die dann sehr tief im Holz stecken, ließen sich nur schwer drehen. Um diese Probleme zu umgehen, müsste man also den Korpus an der Stelle des Wirbelbrettes von UNTEN aushöhlen. [Zeichnung 4]. Sie erkennen selbst die sich daraus ergebende, komplizierte Form. Ich habe mich entschlossen, das Instrument komplett von unten auszuhöhlen und an den Stellen, an denen die Wirbel stecken, einfach mehr Material übrig zu lassen. [Zeichnung 5] Schließlich habe ich einen Boden aufgeleimt und die Öffnung so verschlossen. 

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Ob das so entstandene Instrument tatsächlich einem historischem Vorbild entspricht, lässt sich natürlich nicht sagen. Ich denke, es sprechen einige Indizien dafür, aber Beweise gibt es nicht.


4. Re-Animation

Die Idee eines vierten „Re“ entstammt einem aufmerksamen Zuhörer eingangs genannten Vortrages. Die schönste Rekonstruktion eines Instrumentes ist nutzlos, wenn es am Ende nicht erklingt. Leider ist eine Reanimation, eine Wiederbelebung etwas schon vor langer Zeit gestorbenen auch im Bereich der mittelalterlichen Musik nicht möglich. Ergebnisse eines solchen Versuchs dürfen durchaus ins Gebiet der Fantasie oder Spekulation verwiesen werden. Wir werden nie erfahren, was und wie die Musiker des Mittelalters auf den Instrumenten wirklich gespielt haben – das ist auch bei der Ala nicht anders. Trotzdem lohnt sich natürlich ein genauer Blick auf die musikalischen Quellen.

Ich möchte beispielhaft auf einige böhmische Quellen verweisen, welche einer näheren Betrachtung durchaus Wert sind. Es handelt sich bei den gezeigten Beispielen um ein- und zweistimmige Conductus-ähnliche Stücke.

Die Auswahl dieser Stücke folgt jetzt einzig und allein meinem Geschmack – und ist durchaus nicht repräsentativ für den Inhalt der Handschriften. Es handelt sich dabei um übliche Graduale und Canzionale, mit teilweise tschechischen Liedern und Texten. Bemerkenswert ist aber in dem Beispiel der Hohenfurter Handschrift, dass offenbar eine zweite Stimme oder vielmehr eine Auszierung der Melodie in roter Farbe direkt in die Notenzeile mit hineingeschrieben wurde. Das Stück aus XI E 2 Witay mily habe ich übertragen und eine Art „Begleitstimme“ hinzukomponiert, welche vom Tonumfang meinem gebauten Prototyp einer Ala bohemica entspricht.

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Ich betone nochmals, dass es sich hierbei um ein reines Fantasieprodukt handelt und lediglich die prinzipielle Möglichkeit eines solchen Vorgehens demonstrieren soll.


Anmerkungen

Die Bauform der finnischen Kantele findet sich im ganzen Baltikum. So heißt das Instrument in Estland Kannel, in Litauen Kankles und in Lettland Kokles. Über die Herkunft dieser Instrumentenform gibt es verschiedene Theorien, deren aktuell anerkannteste die „Byzantinische“ ist. Diese Theorien zu diskutieren, würde an dieser Stelle zu weit führen. Allerdings gibt es in byzantinischen Handschriften Abbildungen eines psalterähnlichen Instrumentes mit einer dreieckigen Grundform, wie diese auch heute noch im Nahen Osten vorhanden ist. Vergleiche dazu auch den arabischen Kanun. Die Erwähnung des Ala bei Paulirinus spricht von einer perfekt dreieckigen Grundform, welche zunächst besser auf den Kanun, denn auf ein Kantele-ähnliches Instrument zu passen scheint.

[1] Alexander Buchner: Handbuch der Musikinstrumente. Dausien, Hanau/M 1985
[2] Prof. PhDr. Pavel Kurfürst, Základy organologické ikonologie, Brno 2001
[3] Bezug auf Offenbarung 5,8 (et cum aperuisset librum quattuor animalia et viginti quattuor seniores ceciderunt coram agno habentes singuli citharas, Und als es das Buch nahm, fielen die vier lebendigen Wesen und die 24 Ältesten nieder vor dem Lamm, und sie hatten ein jeder eine Harfe)
[4] Ibi maria prophetissa soror aaron sumpsit tympanum et multe alie secuti sunt eam tum tympanis et choris et liris pertimentes et laudantes dominum qui eduxit eos de esipto per mare rubri. (Überschrift einer Illustration in Bezug auf 2. Mose 15,20-21: Und Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, nahm eine Pauke in ihre Hand, und alle Weiber folgten ihr nach hinaus mit Pauken im Reigen…)
[5] Jhesus Mansiones ostendit sponse et ceteris angli chitarizantes (Jesus zeigt der Braut und den anderen, saitenspielenden Engeln die Wohnungen.) Überschrift eine Illustration in Bezug auf Joh. 14.2 (in domo Patris mei mansiones multae sunt)

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