Dem „Ellend“ auf der Spur.

Eine der Melodien, die mich am längsten begleitet, seitdem ich mich mit mittelalterlicher Musik beschäftige, ist der sogenannte „Jakobston“ oder „Jakobsruf“. Immer wieder taucht diese Melodie in sporadischen Abständen in meinem Umkreis auf. Sei es auf einer CD-Aufnahme oder bei einem eigenem Konzert. Als vor wenigen Wochen die Aufführung dieses Stücks in einem etwas „ernsteren“ Kontext eine Option war, stand für mich die Frage im Raum: Wo kommt das Stück eigentlich her? Eine Frage, die ich bis dato etwas vernachlässigt hatte, da es keinerlei Grund gab, diese Melodie ernsthaft zu hinterfragen. Ich begab mich also auf eine Spurensuche. Das Ergebnis dieser Suche war für mich unerwartet spektakulär.

Text und Melodie des „Jakobstones“, bzw. des Pilgerliedes „Wer das ellend bauen will“, sind getrennt und in mehreren Fassungen überliefert.

Die mir bekannte Textfassung enthält 26 Strophen und ist in der Handschrift München, Bayrische Staatsbibliothek, cgm 809, fol. 61r-63r (Entstehungszeit gemäß Handschriftencensus: 1490-1524) überliefert. Eine zweite Textfassung ist in cgm 817, fol. 288r-289r (Handschriftencensus: Ende 15. / Anfang 16. Jh.) enthalten.

Ich erinnerte mich, dass ich mit der Melodie zum ersten Mal vermutlich durch Ewald Jammers: „Ausgewählte Melodien des Minnesangs“ (1963) [1] in Kontakt gekommen bin. Jammers gibt aber leider keine Originalquelle an, sondern verweist auf Müller-Blattau: „Zur Form und Überlieferung der ältesten deutschen geistlichen Lieder“ (1935) [2]. Müller-Blattau (und somit Jammers) geben das Lied wie folgt wieder:

blattau

Edition von Müller-Blattau, ZfMw 17/1935, S. 134-135

Müller-Blattau verweist auf: nichts!

Als Quellenangabe zur Melodie dieses Stückes, wird gelegentlich Forsters Liederbuch, Teil 5 (1556) erwähnt. [3] Vielleicht geht diese Erwähnung auf Liliencron; „Deutsches Leben um 1530“ zurück. [4]
Bei Forster ist das Lied in einer 4-stimmigen Fassung, mit nur einer Strophe überliefert und wird dort J.V.B. (Jobst von Brandt) zugeschrieben. Die Tenor- und Bassus-Stimme lautet:

forster

Tenor und Bass in Forsters Liederbuch.

Es ist klar, dass hier eine Bearbeitung vorliegt, welche dem Zeitgeschmack und Erfordernissen eines 4vv-Satzes genügt. Es ist aber auch zu sehen, dass es sich hierbei nicht genau um die bei Jammers/Müller-Blattau überlieferte Fassung handelt, auch wenn es natürlich im Wesentlichen die selbe Melodie ist.

Im Verlauf meiner Recherchen stieß ich auf eine dritte, vermutlich 4-stimmige, Fassung dieses Liedes. Vom Liederbuch des Ambrosius Kettenacker (Anfang 16. Jahrhundert, wahrscheinlich um 1510) [5] ist leider nur noch das Bassus-Buch erhalten.

kettenacker

Bassus im Liederbuch des Ambrosius Kettenacker

Im „Weltspiegel“ des Valentin Boltz, Basel 1551 [6] fand ich eine vierte Fassung. Der Text wurde deutlich umgedichtet und enthält 2 Strophen. Dieses Lied ist in einen längeren Text, vermutlich ein Singspiel(?), eingebettet. Die Melodie ist – wie in diesem Zusammenhang nicht anders zu erwarten – einstimmig überliefert und steht eine Quarte höher:

Lied der Pilger im „Weltspiegel“ von Valentin Boltz

Obgleich hier eine einstimmige Fassung vorliegt, ist es doch nicht die eingangs erwähnte und von Müller-Blattau mitgeteilte Melodie.

Durch Zufall kam ich an eine weitere Fassung. Marc Lewon arbeitet im Rahmen des Wiener Musikleben-Projektes unter anderem am „Liederbuch des Stephan Craus“ (2. Viertel 16. Jahrhundert) [7]. Auf fol. 88r (= 33r) findet sich in Tabulatur ein Stück mit dem Incipit „Sanctus iacobus“. Nach Übertragung der Tabulatur erweist sich diese als der bekannte Jakobston, welcher zunächst 2-stimmig erscheint.

craus

Bassus (?) im Lautenbuch des Stephan Craus. (Übertragung: Marc Lewon)

Marc Lewon schreibt dazu:

„Sanctus iacobus“ ist fast ausschließlich in Oktavparallelen gehalten. Evtl. eine Übung für das Spiel in Oktaven? Oder zum schnellen Lernen der Notenzeichen deutscher Lautentabulatur? Einzelne Auszierungen lassen vermuten, dass das Spiel in Oktaven vielleicht doch für praktische, musikalische Zwecke eingesetzt werden sollte – eventuell zur Verstärkung eines cantus firmus in einem mehrstimmigen Satz, also als Teil eines Ensembles? Auch die Chromatik in der 2. Zeile (fis) könnte auf die Einbettung dieser Tabulatur in einen polyphonen Ensemblesatz hinweisen. Nur ganz am Ende der Melodie wird die Lautentabulatur in „Tenor“ und „Bassus“-Funktion aufgespalten, wobei die Oberstimme den cantus firmus hält.

Das Jakobslied scheint Anfang des 16. Jahrhunderts äußerst beliebt gewesen zu sein. So finden sich allerhand Drucke mit Neuen“ Liedern, zu singen wie S. Jacobs Lied“ [8] oder in der Melodey / Welcher das ellend etc.“ [9] In diesen Fällen handelt es sich um geistliche Umdichtungen des eher weltlichen, erzählenden Textes aus der Müncher Handschrift Cgm 809. Wir haben also bereits um 1540 Drucke von Bearbeitungen des Textes – und zwar in der Schweiz! Ein Lied, welches den Pilgerweg von Deutschland – via Schweiz – beschreibt, wird um 1540 eben dort umgedichtet – und die Melodie scheint so bekannt gewesen zu sein, dass der Hinweis zu singen wie S. Jacobs Lied“ ausreichend war.

Geistliche Bearbeitungen des Textes finden sich auch in lutherischen“ Gesangbüchern ab Mitte des 16. Jahrhunderts. In der Nürnberger Ausgabe von 1550 der Geystlichen Lieder [mit einer Vorrede Martin Luthers]“ [10] finden wir eine Fassung der Melodie – die dann tatsächlich die bislang früheste (mir bekannte) ist:

Nr. LXIII: Ein schön Geistlich lied / von eim Christlichen Pilgram / Im thon / wie folget

Das sogenannte Bapstsche Gesangbuch“, welches 1545 – noch zu Luthers Lebzeiten in Leipzig erschien, wurde mehrfach neu verlegt. Die Ausgabe von 1547 erhält das Lied noch nicht! In dem oben genannten Nürnberger Nachdruck von 1550 taucht es dann auf. Ich möchte hier kurz erwähnen, dass der Herausgeber die Melodie abgedruckt hat mit dem Vermerk: … im Thon wie folget“. War die Melodie um 1550 vielleicht nicht mehr so bekannt, dass der Hinweis zu singen wie S. Jacobs Lied“ nicht mehr genügte? Oder gab es zu der Zeit schon zu viele Fassungen – ich verweise auf die unterschiedlichen Varianten bei Boltz, Craus und Forster – und dem Herausgeber war es wichtig diese eine Fassung zu verwenden?

Mit der Lutherschen“ Melodie vor Augen und im Ohr verhärtet sich ein von mir lang gehegter Verdacht: in der Handschrift St. Blasien 77 (um 1435) [11] gibt es (neben einigen anderen, leider wenigen) ein Lied mit Melodie Ich wais mir ainen anger brait“ (welche übrigens auch von Müller-Blattau ediert wurde [12])

Ich wais mir ainen anger brait … Handschrift St. Blasien, f. 312r

Der A-Teil des Liedes kommt mir nun doch wirklich sehr bekannt vor! Ich habe mir erlaubt, die Melodien von St. Blasien und dem Lutherschen Gesangbuch“ übereinander zu legen, rot erscheint dabei die Fassung des Gesangbuch, grün die Variante von St. Blasien.

blasien und luther

St. Blasien und Luthersches Gesangbuch „übereinander gelegt“

Angeregt von der erstaunlichen Übereinstimmung der Blasien- und Gesangbuch-Melodie im A-Teil des Liedes habe ich noch die Fassung von Sebastian Craus herangezogen und einen Vergleich des B-Teils vorgenommen.
Es gibt im B-Teil des St. Blasien-Liedes einen sehr auffälligen Quart-Sprung, der (bei Textunterlegung) mitten im Wort stattfindet. Das kam mir ungewöhnlich vor. Ich nahm versuchsweise eine Terzverschreibung (zu hoch)  von dieser Stelle bis zum Ende an.  Das Lied endet dann auf d“ anstatt auf f“ und entspricht dadurch eher den Erwartungen an eine Melodie dieser Zeit. Außerdem habe ich die rhythmuslos überlieferte Melodie mit Hilfe der kleinen Verszeichenstriche zur besseren Übersicht rhythmisiert. Der Vergleich mit Luther/Craus ergibt folgendes Bild:

blasien luther craus 1terzverschreibungen

Oben: Hs. St. Blasien; unten: Luther und Craus.
rot = Abweichungen, grün = Übereinstimmung mit Luther, blau = Übereinstimmung mit Craus

Sieht gut aus oder? Mein Freund und Mentor Marc Lewon, hat mich ermutigt, noch eine zweite Terzverschreibung anzunehmen. Diesmal eine Verschreibung zu tief! Das Ergebnis dieser Transformation:

blasien luther craus 2terzverschreibungen

 

Natürlich ist das kein Beweis, bestenfalls ein Indiz – aber ich finde, es spricht einiges dafür, dass im Lied Ich wais mir ainen anger brait“ in der Handschrift St. Blasien 77 die bislang früheste Melodiefassung des sogenannten Jakobston“ vorliegt.

 

Quellennachweis:

[1] Ewald Jammers: Ausgewählte Melodien des Minnesangs“, 1963, Nr.7 Seite 144, Max-Niemeyer-Verlag, Tübingen

[2] Müller-Blattau: „Zur Form und Überlieferung der ältesten deutschen geistlichen Lieder“,  Zeitschrift für Musikwissenschaft 17, Jahrgang 1935, S. 134-135

[3] Georg Forster: Der fünfft theyl schöner alter und newer Teutscher liedlein mit fünff stimmen nicht allein zu singen sondern auch auff allen Instrumenten zu brauchen“. Nürnberg 1556

[4] Rochus von Liliencron: „Deutsches Leben im Volkslied um 1530“. Union Deutsche Verlagsgesellschaf, Berlin/Stuttgart 1884

[5] Liederbuch des Ambrosius Kettenacker, Anfang 16. Jahrhundert (1510), Universitätsbibliothek Basel, F X 10

[6] Der welt spiegel Gespilt von einer Burgerschafft der wytberuempten fryhstatt Basel, im Jor M.D.L : Und widerumb gebessert und gemehrt mit Sprüchen und Figuren, so im vorigen exemplar, von kürtze der zyt underlassen waren Durch Valentinum Boltz von Ruffach. Gedruckt zů Basel, uff dem Nüwen platz by Jacob Kündig, im Jor M.D.LI.; Universitätsbibliothek Basel, Wack 1688 

[7] Lautenbuch des Stephan Craus, ca. 16. Jahrhundert,  A-Wn 18688

[8] Dry Geistliche Jacobs Lieder, die zeygend den Bilgrim den rechten waeg vnd straassen zum ewigen laeben. Vnnd sind zu singen wie S. Jacobs Lied … [Zürch 1554], BSB, Res/P.o.germ. 1686,29 

[9] Nüw gsangbüchle von vil schönen Psalmen und geistlichen liedern durch diener der Kirchen zu Costentz unn anderstwo mercklichen gemeert, gebessert und in gschickte ordnung zesamen gstellt zu übung unnd bruch jrer ouch anderer Christlichen Kirchen ; [Mit Vorrede von Johannes Zwick], Zürych: Christoffel Froschouer, 1540

[10] Geistliche Lieder und Psalmen, Luther, Martin; Du Château, Mathieu; Nürnberg 1550, München, Bayerische Stattasbibliothek, Liturg. 739

[11] Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, Provenienz St. Blasien, St. Blasien 77

[12] Hugo Moser, Joseph Müller-Blattau: „Deutsche Lieder des Mittelalters“, Ernst Klette Verlag, Stuttgart, 1968, S. 274

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