Schnatternde Gänse

Jeder Spieler mittelalterlicher Lauten und Quinternen verwendet vermutlich ohnehin ein Plektrum, das den eigenen Spielgewohnheiten am nächsten kommt. Dennoch stellt sich dem an historischer Aufführungspraxis interessierten Zupfinstrumentenspieler über kurz oder lang doch die Frage nach einem „historisch korrekten“ Material für sein Plektrum. Schließlich ist der Einfluss des Plektrums auf den Klang des Instrumentes nicht unentscheident und so ist die Verwendung des „richtigen“ Plektrums ein kleines Schrittchen auf der Suche nach dem „historischen Klang“.

Es bieten sich zunächst Materialien an, die in der Natur vorkommen, wie Horn, Pergament, Vogelfedern, Fischbein, Knochen, Schildpatt oder Baumrinde.

Angeregt durch Crawford Young hat sich seit einiger Zeit die Verwendung von Straußenfedern als Plektren für mittelalterliche Zupfinstrumente. Deren Verwendung ist aber zumindest für das Mittelalter nicht belegbar. Allerdings sind Straußenfedern spätestens seit 1418 in Deutschland bekannt. In der Konstanzer Konzilschronik heißt es: »Die warend sonder uß geklait und mit strußfedern.« [0]

Die Nutzung von Plektren generell ist  durch reichlich vorhandenes Bildmaterial, beginnend von den frühesten europäischen Zupfinstrumenten-Abbildungen bis ins 15. und 16. Jahrhundert hinein eindeutig belegt.

Karolingische Langhalslaute mit Plektrum. 9. Jh.

Abb. 1: Karolingische Langhalslaute mit Plektrum. 9. Jh.

Laute spielender Engel , mit Plektrum

Abb. 2: Laute spielender Engel, mit Plektrum, 15. Jh.

Einen Hinweis auf die Verwendung von Gänsefedern, bzw. Gänsefederkielen als Plektrum für Lauten, zumindest im 15. Jahrhundert, gibt es in Michel Beheims Lied „Ich kam ains mals czu ainem tag“ [1]:

… da mit wurt manch jausslicher tant / getriben von fürtretern, Lauten slehern und trümpern. / […] da ruffet dy ganss: „gag gug gag! / […] reissen mein arms gevider / Und machen dar auss kile. / auff den schelmigen dermen da rasseln sy hin und her. (… damit wird viel gröhlender Unfug getrieben von Aufschneidern, Lautenschlägern und Trommlern. […] Da ruft die Gans: gack, guck gack! / An meinen Flügeln reißen sie mir mein Armgefieder (oder: armes Gefieder?) aus und stellen daraus Kiele (Plektren) her. Auf den genannten, verwesten Därmen lärmen sie hin und her.)

Auch in Tinctoris Traktat De inventione et usu musicae [2] wird im Abschnitt über die Laute die Verwendung von Federn als Plektrum beschrieben:

Est que plectrum: quo chorde pulse ad sonum emoventur. Cujusmodi apud nos sunt penna et arculus apud antiquos pecten. … (Das Plektrum ist nämlich: womit Saiten angeschlagen und zum Klingen angeregt werden. In welcher Art es bei uns die Feder und der kleine Bogen sind, bei den Alten (Vorfahren) das Stäbchen.)

In dem Abschnitt über die Cetra werden Kiele erneut erwähnt:

Italis qui hoc compererunt cetula nominatum […] pennaque tanguntur (Die Italiener [haben es] erfunden und cetula genannt […] mit dem Kiel geschlagen (berührt). )

Einen weiteren Beleg für die Verwendung von Federn als Plektrum für Lauten finden wir bei Hans Judenkünig [3]:

Es ist meniglich wissen / das in kurzen jaren bey manß gedechtnuß / erfunden worden ist die Tabulatur / auff die Lauten / und das zwicken / darvor haben die alten mit der federn durchaus geschlagen / das nit also khunstlich ist

Leider findet sich keine Aussagen darüber, wie diese Federkiele bearbeitet oder wie diese eingesetzt wurden.

Zum 15. Jahrhundert hin ist das abgebildete Plektrum sehr oft nur als dünne weiße Linie dargestellt.

Abb3

Abb. 3: Laute mit Plektrum, um 1500

Abb. 3a

Abb. 3a: Laute mit Plektrum

Die Vermutung, es könne sich hierbei um die bei Beheim angesprochenen Gänsefederkiele handeln liegt nahe. Tatsächlich finden sich einige überraschend detailliert abgebildete Plektren, wie z.B. die Glasmalereien in einem Kirchenfenster.

Abb. 4: Lauten mit Schreibfedern als Plektrum

Abb. 4: Lauten mit Plektren in Schreibfeder-Form

Hier sind sehr eindeutig zwei Federkiele als Plektrum abgebildet, welche offenbar wie eine Schreibfeder zugeschnitten wurden. Vorstellbar ist, das hier der Maler aus Unkenntniss tatsächlich Schreibfedern abgebildet hat, aber auch die Malereien aus MS M.454 (Abb. 5) und Bern (Abb. 6) zeigen Federkiele und bestätigen so offenbar die Verwendung von „Schreibfedern“, bzw. ähnlich Schreibfedern zugerichteten Federkielen als Plektrum.

Abbildung 5

Abb. 5: Miniatur, Mailand um 1470

Abb. 6

Abb. 6: Bern, Chorfenster

Wie solche Schreibfedern zugeschnitten wurden, wissen wir aus Kalligraphiebüchern des 16. Jahrhunderts [4] relativ genau. Eine (recht späte) Beschreibung, wie Schreibfedern gehärtet werden, findet sich in einer Publikation des 18. Jahrhunderts. [5] Die Federkielplektren ähnlich zu behandeln liegt auf der Hand.

Andere Abbildungen dagegen stellen vielleicht eine andere Form des Kiel-Plektrums dar. Hier scheint sich der Kiel, das Plektrum, nach oben hin zu verbreitern, anstatt zu verjüngen, wie es die bereits oben gezeigten Abbildungen zeigen.

Abb7

Abb. 7: Fresko

Abb. 8.

Abb. 8: Buchmalerei

Versuchsweise habe ich mit Gänsefedern experimentiert, den Zuschnitt aber auf den Kopf gestellt. Die Saiten werden nunmehr nicht mit dem dicken, steifen und unflexiblen „Schreibfeder-Ende“ geschlagen, sondern mit der dünnen und flexibel auslaufenden Federspitze. Das sich daraus ergebende Erscheinungsbild, findet tatsächlich auch in einer Abbildung.

Abb. 9: "umgedrehter" Federkiel?

Abb. 9: „umgedrehter“ Federkiel?

Das nicht spielende Ende zeigt hier ein kleines „Fähnchen“ (was sich zugegebenermaßen auch als Bildfehler erklären lassen kann). Interessanterweise entstand bei meinen Experimenten mit den „umgedrehten“ Federkielen genau so ein solches Fähnchen, als ich einige der feinen Härchen, welche die „Fahne“ bilden, stehen ließ.

Abb. 10.

Abb. 11: „umgedreht“ geschnittener Gänsefederkiel

Ein weiteres interessantes Detail findet sich bei genauerer Betrachtung von Melozzo da Forlis Fresko. Hier sieht es so aus, als ob ein zugeschnittenes „Schreibfeder-Ende“, das nicht spielende Ende des Plektrums ist.

Abb10

Abb. 10: Fresko, Detail

Ich habe den renommierten Lautenisten Marc Lewon Gänsefederplektren ausprobieren lassen. Lewon beschreibt den Klang und das Spielgefühl beider Varianten wie folgt:

Erfahrung mit dickem Ende der Feder: Das Plektrum ist sehr starr, gibt in sich praktisch nicht nach und erfordert daher eine ganz andere Anschlagtechnik als mit flexibleren Plektren – die Saite wird von oben her nach unten „verdrängt“ und die Technik scheint sich gut für Tremolospiel zu eignen. Der Ton wird eindeutig grundtöniger, runder und dumpfer als bei der Verwendung eines dünnen Plektrums – z.B. einer Straußenfeder.

Das dünne Ende: Das Plektrum ist recht dünn und flexibel und ähnelt daher viel stärker den Plektren, die ich aus Straußenfedern herstelle und selbst verwende. Bei der Saitenberührung gibt das Plektrum nach und die Anschlagsbewegung geht viel mehr „durch die Saitenlage hindurch“ als darüber hinweg. Dadurch wird der Klang etwas spitzer, zugleich pointierter und akzentuierter. Meinem Spiel kommt diese Herstellungsvariante der Feder sehr entgegen und stellt eine klare Alternative zur Straußenfeder dar.

Denkt man die Gedanken konsequent weiter, lassen sich so zwei Einsatzzwecke mit ein und demselben Plektrum vorstellen: Laute und hart akzentuierte, schlagende Spielweise mit dem dicken Schreibfederende (vielleicht für Tenorlinien oder zur rhythmischen Tanzbegleitung), schnelle Oberstimmenverzierungen mit dem flexiblen, dünnen Ende des entsprechend zugerichteten Gänsefederkiels.

Ich danke Marc Lewon für die Hinweise auf die literarischen Quellen.

 

Fußnoten

[0] Chronik des Konstanzer Konzils 1414-1418 von Ulrich Richental, 134, 2-3
[1] Osterweise Nummer 115*, Übersetzung: Marc Lewon
[2] Johannes Tinctoris, De Inventione et Usu Musicae, Neapel, 1481, dt. Übersetzung vom Autor
[3] Judenkünig, Hans: Ain schone Kunstliche Vnderweisung in disem Büechlein, leychtlich zu Begreyffen den rechten grũd zu lernen auff der Lautten vnd Geygen, Wien 1523, München, BSB, 4 Mus.th. 729#Beibd.1
[4] Fugger, Wolfgang: Ein nutzlich vnd wolgegrundt Formular, Nürnberg, 1553, München BSB, Cgm 7072
[5] Oeconomische Encyclopädie, Band 12 von Johann Georg Krünitz, Heinrich Gustav Flörke, Friedrich Jakob Floerke, Johann Wilhelm David Korth, 1777

Bildnachweis

[Abb. 1] Stuttgarter Psalter, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod.bibl.fol.23, Saint-Germain-des-Prés, um 820
[Abb. 2] Meister des Sankt Bartholomeus Altar, Die Taufe Christi (Ende 15. Jh.), National Gallery of Art
[Abb. 3] Weißenburg Madonnenaltar, St. Andreaskirche, Weißenburg, Bayern, um 1500, Foto: Matthias Knoch
[Abb. 3a] Stefan Lochner(?), erste Hälfte 15. Jh, -genaue Quelle derzeit unbekannt – für Hinweise bin ich sehr dankbar
[Abb. 4] Cawston church, Norfolk, U.K., Foto: Peter Forrester
[Abb. 5] Pierpont Morgan Library, MS M.454, Italien, möglicherweise Mailand, ca. 1470, fol. 148r
[Abb. 6] Bern, Münster, Chorfenster, um 1450
[Abb. 7] Melozzo da Forli, Rom, Pinakothek, 15. Jh.
[Abb. 8] Paris, Bibliotheque National […]
[Abb. 9] Girolamo di Benvenuto di Giovanni del Guasta, “La Virgen entrega la correa al apóstol santo Tomás”, 1525. Torrita di Siena, Oratorio della Madonna delle Nevi
[Abb. 10] Siehe Abb. 7
[Abb. 11] Martin Uhlig, 4/2014

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