Die Suche nach dem verlorenen Klang

Als ich vor über fünfzehn Jahren anfing, mich mit der Musik des Mittelalters zu beschäftigen, fiel mir bald auf, dass kaum Instrumente für dieses Repertoire zu bekommen waren. Eine zeitlang behalf ich mich mit dem, was zu beschaffen war – ich bekam zum Beispiel einen Ud geschenkt und wollte eine alte Mandoline aufarbeiten – kaufte mir aber im Jahr 2002 meine erste mittelalterliche Plektrum-Laute. Bereits ein Jahr später wollte ich meinen Fundus an Instrumenten erweitern und ein Zupfinstrument nach Abbildungen aus den Cantigas de Santa Maria spielen. Die war nun unmöglich zu bekommen – und daher baute ich mir im Jahr 2003 meine „Cantigas-Citole“ selbst. Es folgten ein Psalterium und danach im Jahr 2008 eine Fidel „da gamba“ nach Abbildungen aus einem englischen Psalter aus dem 11. Jahrhundert. Jedem dieser Instrumente lag vor allem ein Interesse, eine Frage zugrunde: 

Wie hat das geklungen? 

Nicht: Wie muss ich das bauen, damit es so und so klingt?

Sondern: Wie klingt es, wenn ich es so und so baue?

Daumenloch-Citole

Meine Rekonstruktion einer Daumenloch-Citole im Rohbau

Schaut man sich mittelalterliche Abbildungen von Instrumenten an, sei es in Buchmalereien, Statuen oder Altargemälden, fällt ein sehr großer Formenreichtum von Instrumenten auf, der sich nicht mit vermeintlich unvermögenden darstellerischen Fähigkeiten weg erklären lässt. Oft zu vernehmen ist auch die leicht herablassend geäußerte Theorie, es handle sich eben um allmähliche „Verbesserungen“ der Instrumente, bis man „endlich“ zu den „richtigen“ Instrumenten, wie wir sie heute kennen, gelangte. Man muss sich vor Augen halten, dass das, was gemeinhin so salopp mit „mittelalterliche Musik“ umschrieben wird, immerhin Repertoire aus einen Zeitraum von gut 500 Jahren umfasst! Innerhalb dieses Zeitraumes entwickelten sich viele verschiedene Musikepochen, je nach Region mit unterschiedlichen Instrumentenpräferenzen und Musikstilen. Es ist anzunehmen, dass diese Instrumentenvielfalt sehr genau zum jeweiligen Stil der jeweiligen Epoche passte! Die etwas irreführende Theorie von der Primitivität der frühen Instrumente fußt meiner Meinung nach in einer Reihe schlecht gemachter „mittelalterlicher“ Instrumente, welche der angenommenen „Primitivität“ mittelalterlicher Musik Rechnung tragen. Hier wirkte sich also ein Vorurteil auf die Rekonstruktion der Instrumente aus und schuf so ein neues Vorurteil. Das erzeugt eine große Herausforderung für denjenigen, der sich mit der Rekonstruktion historischer Instrumente befasst. Eine befreundete Musikerin, der ich eine Fidel baute, drückte es mit folgenden Worten aus: „Das Instrument muss richtig gut werden, damit es nicht heißt: Jaja, schon gut, dass die damals die Geige erfunden haben!“

Baut man mittelalterliche Instrumente mit Sorgfalt und dem nötigen Respekt, können Instrumente entstehen, welche sehr gut klingen – nur klingen sie einfach anders, als moderne Instrumente. Ja, sie müssen sogar anders klingen, dienen sie doch der Klangerzeugung für eine andere Musik und haben in dieser Musik andere Funktionen.

Wenn ich heute – 10 Jahre nach meinem ersten Instrument –  ein neues Instrument plane, rekonstruiere ich aus oft hunderten historischen Abbildungen seine typische Form – und setze die dann um. Dabei lasse ich mich möglichst wenig von modernen Form- und Klangvorstellungen leiten, sondern versuche die mittelalterliche Ästhetik  nachzuvollziehen, um einen Typus, einen „Proto-Typ“ der jeweiligen Form zu finden, und baue keine 1:1 Kopie einer einzigen Abbildung nach. Sehr gut ist es natürlich wenn von einem Instrumenten-Typus Originale erhalten sind. So gibt es z.B. zwei erhaltene Quinternen: die Wartburg-Quinterne [1] und den Latrinenfund aus Elbing/Polen [2].

Wartburg-Quinterne. Foto: Wikipedia

Beides sind erhaltene Originale, beide sind in ihrer baulichen Qualität so unterschiedlich, wie sie nicht unterschiedlicher sein können. In diesem Feld – zwischen Meisterinstrument und eher grober Machart muss man sich orientieren – wobei heutige Musiker natürlich eher dem Meisterinstrument zugeneigt sind.

Bei einem anderen Instrumententypus, der so genannten Daumenloch-Citole, ist die Lage noch unklarer: es gibt zwar ein erhaltenes Original, die Warwick-Citole [3], doch wurde diese beginnend im 16. Jahrhundert mehrere Male verändert und zu einer Geige umgebaut Einige nicht unerhebliche Konstruktionsmerkmale gingen dadurch verloren. Abbildungen dieses Instrumententypus’ gibt es viele, doch sind diese, wie so oft, nicht detailliert genug um eine Vorstellung zu liefern, wie die verlorenen Teile der originalen Daumenloch-Citole konstruiert waren. Zur Zeit versuche ich mit dem renommierten Musikwissenschaftler und Musiker Marc Lewon, einen „Proto-Typ“ der Daumenloch-Citole zu entwerfen. Wie auch bei anderen Instrumenten versuche ich, versuchen wir, hier den „Proto-Typen“ zu finden und orientieren uns an Original, Abbildungen und Statuen, welche einige gut erkennbare Gemeinsamkeiten zeigen: Taillierter Korpus mit deutlich abgesetzten Schultern, rundes Daumenloch, keilförmige Seitenansicht, abgeknickter, mit dem Hals verbundener Wirbelkasten, geschnitzter Tierkopf.

Warwick-Citole. Foto: British Museum

Warwick-Citole. Foto: British Museum

Zwar gib es schon einige Rekonstruktionen, diese sind jedoch zum Teil versuchte Rekonstruktionen des erhaltenen Instruments, bei denen die fehlenden Teile meiner Meinung nach nicht überzeugend ergänzt wurden, oder aber es wurden gleichsam „Fantasie-Instrumente“ gebaut, bei denen mehrere eindeutige nachweisbare Typus-Elemente nicht umgesetzt oder völlig fehlinterpretiert wurden. Eine Ursache dafür könnte sein, dass man versucht hat, zwar die Form aufzugreifen, sie aber zugunsten moderner Spielgewohnheiten verändert hat. Hier gibt es auf jeden Fall noch viele Dinge zu untersuchen und gegebenenfalls experimentell zu ermitteln, in enger Zusammenarbeit mit Kennern des Repertoires.

Quinterne im Bau

Quinterne im fortgeschrittenen Stadium des Aushöhlens. Das fertige Instrument sehen Sie nach einem Klick auf das Bild.

Die Schwierigkeiten, die einem bei den Rekonstruktionen begegnen, sind vielfältiger Natur. Da ist zum einem die Frage des Materials. Für mich ist es selbstverständlich, möglichst nur bereits im Mittelalter einheimische Hölzer zu verwenden (da fällt doch eine erstaunliche Anzahl von Hölzern raus), oder Hölzer die durch Import aus den Mittelmeeranrainer-Regionen stammen konnten. Historisch gut belegt – durch die gefunden Originale der Instrumente, mit denen ich mich beschäftige – ist die monoxyle Bauweise. Korpus, Hals und Wirbelkasten werden also aus einem massiven Stück Holz geformt. Die zunächst ganz banale Schwierigkeit besteht nun darin, dass das Holz in den benötigten Materialstärken ziemlich schwer zu bekommen ist. Eine gut abgelagerte Ahorn-Bohle von 10cm Stärke oder mehr zu bekommen ist keine Kleinigkeit! Natürlich gibt es auch Fragen und Schwierigkeiten zur Konstruktion der Instrumente selbst. Bei modernen Instrumenten sind z.B. Zargen- und Deckenstärken vollkommen klar. Wo Balken gesetzt werden und wo nicht, birgt keine Geheimnisse. Welche Zargenstärke hat aber die „prototypische Quinterne“, wenn die zwei erhaltenen Instrumente völlig verschiedene bauliche Qualitäten aufweisen?

Auch wenn ich mittlerweile für einige Musiker Instrumente gebaut habe  (einige davon sehen sie auf meiner Website www.monoxyl.de) und dies auch weiterhin gern tun werde, ist und bleibt für mich doch am spannendsten die bereits eingangs erwähnte Frage: Wie hat das geklungen?

 

Dieser Artikel erschien im Druck in phoibos – Zeitschrift für Zupfinstrumente, Ausgabe 2013/2

 

 

[1] Quinterne von Hans Ott, Nürnberg, datiert 1450. Heute in der Sammlung auf der Wartburg bei Eisenach.

[2] Elblag/Elbing, Polen, 14. Jahrhundert, Bei Ausgrabungen 1986–89 entdeckt.

[3] London, British Museum (1963,1002.1), datiert 1300–1330

 

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